Dienstag, 2. Juni 2026

Leonardo Boff


 Sehr geehrter Herr Boff,

vielen Dank für Ihren anregenden Beitrag. Besonders schätze ich Ihren Versuch, die Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz aus einer ethischen und humanistischen Perspektive zu betrachten und die Würde des Menschen ins Zentrum der Diskussion zu stellen.

Gleichzeitig möchte ich einige kritische Anmerkungen machen.

Ihr Beitrag verbindet an mehreren Stellen die Aussagen von Papst Leo XIV. mit konkreten politischen und gesellschaftlichen Akteuren. So schreiben Sie etwa, die Passage über Bombardierungen von Zivilisten und die Verletzung von Kindern wirke, „als ob“ sie sich auf die Handlungen Israels im Gazastreifen beziehe. Der zitierte Text nennt jedoch offenbar keinen Staat und keine Konfliktpartei. Gerade wenn ein päpstliches Dokument bewusst universell formuliert ist, erscheint es mir problematisch, daraus eine eindeutige politische Zuordnung abzuleiten. Die beschriebenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind leider in verschiedenen Konflikten unserer Zeit zu beobachten.

Ähnlich verhält es sich mit der Darstellung von Palantir als „der perversesten“ digitalen Plattform. Eine derart wertende Charakterisierung bedarf aus meiner Sicht einer sorgfältigen Begründung und nachvollziehbarer Quellen. Kritische Diskussionen über Überwachungstechnologien, Datenschutz und militärische Anwendungen sind notwendig; sie gewinnen jedoch an Glaubwürdigkeit, wenn zwischen belegbaren Fakten und persönlichen Bewertungen klar unterschieden wird.

Auch die Debatte über Transhumanismus und Posthumanismus verdient meines Erachtens eine differenzierte Betrachtung. Neben berechtigten Warnungen vor technischer Hybris gibt es in diesen Denkrichtungen auch Ansätze, die auf die Linderung von Krankheit, Behinderung und menschlichem Leid abzielen. Eine faire Diskussion sollte sowohl Risiken als auch mögliche Chancen berücksichtigen.

Besonders zustimmungswürdig erscheint mir hingegen die zentrale Frage, die Sie hervorheben: Welche Vorstellung vom Menschen liegt technischen Entwicklungen zugrunde? Diese Frage sollte tatsächlich im Mittelpunkt jeder ethischen Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz stehen. Technik ist niemals vollständig neutral, weil sie von Menschen gestaltet wird und menschliche Werte widerspiegeln kann.

Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag und hoffe, dass die Debatte über KI, Menschenwürde, Verantwortung und Frieden weiterhin offen, kritisch und respektvoll geführt wird – ohne vorschnelle politische Vereinnahmungen und mit größtmöglicher Sorgfalt gegenüber den Fakten.


Die Glaubwürdigkeit einer ethischen Kritik an Technologie hängt auch davon ab, dass dieselben Maßstäbe von Menschenwürde, Völkerrecht und Wahrheitssuche unabhängig von politischen, religiösen oder ideologischen Präferenzen angewendet werden.


Mit freundlichen Grüßen

Hans Gamma

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