Donnerstag, 18. Juni 2026

Die Welt

Die Welt gewinnt

an innerer Macht,

wo Augenpaare 

aus fremdem, 

unbekanntem Gesicht

die anderen Menschen 

an Leib und Gemüt

demütigen und strafen,

daselbst das eigene Gewissen

mit dem Höllenfeuer schüren. 

in Nacht und Pein

 Schwer ist’s, wenn die Seele

ausser Haus sich blind gebärdet,

dem Guten wirft sie ihre Schatten nach,

selbst ist man gefährdet. 

Schwer ist’s zu fassen

ihr goldenes Kleid,

dass der Saum 

das ganze Tuch 

nicht Schaden nimmt

in ewiger Nacht und Pein.

Die Raupe

In einer Wand 

soll eine Tür 

eines viereckigen Tiefkühlers

geschlossen werden

der Inhalt besteht vermutlich

aus Platten aus hellem Metall,

die die Tür beim Verschieben

nicht schließen lassen

die Frau, die neben dem Mann steht,

sagt, sie könne

mit einer Raupe behilflich sein,

die an das Metall angesetzt,

den Weg zur Türschließung freisetzt. 

zwei Ehepaare

Bei einer Besichtigung

des Naturparks

treffen sich zwei Ehepaare,

die an ihrem Wohnort 

Nachbarn sind,

die sich grundsätzlich 

nichts zu sagen haben

ein Paar will am Ende

der Besichtigung 

das zweite Paar einladen,

mit deren Auto nach Hause

zurück zu fahren

der andere Mann

versucht auf schleichwegen

durch ein offenes Eisentor,

ihnen auszuweichen.


Das Ding

Aus einem Abfallkübel

ein modernes Gerät entnommen

das alle persönlichen Einträge

eines anderen freigibt.

Der Finder zeigt das Ding 

von da an wiederholt es Texte

aus dem Koran

und wirbt den Zuhörer

den Glauben anzunehmen. 


Arbeitsantritt

 Der Kochlehrling meint,

er komme zu spät zur Arbeit

gewöhnlich ist der Chef 

der Erste, der mit seiner Arbeit beginnt

in der Küche ist kein Licht,

aber die Vorbereitungen sind bereit gestellt

auf dem Herd in der Pfanne

stehen die geschnittenen Kartoffeln

zum kochen bereit.

Die Begegnung

Während einer Begegnung

das jugendliche Gesicht einer Frau

sie ist neunundsiebzig Jahre alt

erinnert ihn daran

dass sie aus dem gleichen Dorf stammt 

wie er selbst.

Der Mann fragt die Frau

nach ihrem Namen.

Sie beantwortet seine Frage nicht.

Sie verwandelt sich 

in einen drei Meter großen Mann

der den ganzen Raum füllt.

Der Körper verändert sich

mal sind die Beine kürzer

als der Oberleib

im Wechsel aller Glieder.

Mittwoch, 17. Juni 2026

Dat Béist

 D'Béis vun aneren, egal ob no oder wäit ewech, spigelt sech direkt an eise Gesiichter a bis an déi déifst Verstoppte vun eisem Wiesen erëm. Doduerch verléiert de Konflikt tëscht Gut a Béis an eis selwer seng Bedeitung.


Das Böse anderer, sei es nah oder fern, spiegelt sich unmittelbar in unserem Antlitz und bis in die tiefsten Winkel unseres Wesens wider. Dadurch verliert der unlösbare Konflikt zwischen Gut und Böse in uns selbst an Bedeutung.

Dienstag, 16. Juni 2026

Der Sohn und sein Vater

Der Vater besucht seinen Sohn

in einer mehrsprachigen Bildungsstätte

gleich macht er sich daran,

aus vorbereitetem Teig

ihn durchzukneten, um ein Brot zu backen 

unter seinen Händen

vermischt sich der Teig

mit einem Plastikgeflecht

der Sohn kommt hinzu,

der die Fremdsprache 

in kürzester Zeit gelernt hat

er packt aus dem Teig

fremdartige Fische,

die er in die Bratpfanne 

zum Garen legt,

die er den angekommenen Gästen

zur Mahlzeit servieren möchte

unter den Gästen kommen Kommilitonen 

in schwarzem Anzug

und schwarzem weissen steifen Hemdkragen hinzu.

Montag, 15. Juni 2026

Das Gegenüber

 Es ist mir tagtäglich fast ein unlösbares Rätsel, ein großes Geheimnis, das mich nicht loslässt. Es ist nicht aus starkem Willen, dass ich mich in das Unvollkommene wage, nicht bis ins letzte ergründbare der Gegensätze meiner eigenen Natur. Das Weibliche ruft mich, und ich frage mich, ob ich „Ihr“ richtig zuhören kann, ob „Sie“ mich meint, um dem inneren Drama der Widersprüche mit Respekt zu begegnen. Das Innerste des Gegenübers zieht mich tagtäglich, ob ich will oder nicht, in einen unauflöslichen Bann.

Im Sozialamt

 

Im Sozialamt bittet

ein Mann am Schalter

um ein neues Hemd

der Raum füllt sich

mit bedürftigen Menschen,

die ihrerseits ihre Bitte vortragen

ein Beamter stellt 

die beantragten Dinge

vor dem Schalter

auf den Boden,

auch einen hellgrauen Stiefel,

anstatt dem Hemd,

der genau an die Füße des Mannes passt

zwischen den Dingen 

findet er auch den zweiten

seine Schuhe findet er nicht wieder

es ist schon spät

in einem entfernten Stadtteil

sollte er in zehn Minuten

den vereinbarten Termin 

bei einem Arzt anwesend sein

der Beamte kommt auf ihn zu

er will ihm 

Indem er die Stiege 

in den Untergrund hinab zeigt,

noch auf weitere wichtige Habseligkeiten aufmerksam machen

er sei in Eile,

er werde auf sein Angebot zurückkommen.

Ohne die Schuhe geht er barfuß zur Transaktion.





Sonntag, 14. Juni 2026

Übermut

 

Mit dem Wahn,

die Last,

den schweren Stein,

damit zu scheitern,

auf der Brust, 

davon zu tragen,

der eigene Schatten,

hinten auf dem Rücken,

das ganze Leben

zu ertragen,

ist Aufgabe wohl genug.

Samstag, 13. Juni 2026

respeitar

 Respeito por todas as pessoas
especialmente pelas pessoas
que nos causam as maiores dificuldades
O respeito é a tarefa mais difícil

Respekt allen Menschen
den Menschen 
die uns die grössten Schwierigkeiten bereiten
Respekt ist die schwiergsten Aufgabe


totobba dhadha

èkennèng kerentanan,
e adha’anna dunnya,
dâri èlindungi,
e bakto malem,
celleng,
rangka sè èkaton tombu è attas kolè'na
e dhadhana akantha juba perrang. 

Ausgesetzt der Verletzlichkeit, 

im Da zur  Welt, 

davor geschützt zu werden,

ist während der Nacht,

ein braunes, 

sichtbares Gerippe 

über der Haut

auf der Brust 

als Panzer angewachsen.


Freitag, 12. Juni 2026

Rasia

“Being and Time” ampa’nyatai rahasia tallasa’na lanri a’hubbungi ikatte siagang tallasa’ sitojennaya lalang kana siagang panggaukang.

 „Sein und Zeit“ enthüllt das Geheimnis des Lebens, indem es uns durch Wort und Tat mit dem wirklichen Leben verbindet.

rosia

 Ny rosia eny an-tanana,
miaraka amin'ny isa tsy mazava,
dia tsy mampiseho
na trosa na trosa no tokony ho voaloa.


Die Quittung in der Hand,

mit verwischten Zahlen

Zeigt nicht auf,

ob ein Guthaben 

oder eine Schuld

zu begleichen ist.

ڤرتاهنكن مرواه دڠن حرمت

 ڤميسهن دري كلوارڬ
دايريڠي دڠن ڤرجواڠن سعمور هيدوڤ
دڠن ميسيج
اي منجادي دكنلي بهاوا سأورڠ ابڠ ايڤر
سدڠ مڠنچم استري دان انق-انقڽ
اين تيدق ممبواتكن اورڠ لوار تيدق ترڬڠڬو
اوليه ايت دي مناوركن بنتوانڽ كڤداڽ.


Die Trennung von der Familie

war mit einer lebenslangen Anstrengung verbunden 

mit einer Nachricht

wird bekannt, dass ein Schwager

seine Frau und ihre Kinder bedroht

das lässt den Aussenseiter nicht kalt

er bietet deswegen ihr seine Hilfe an. 

cahaya hangat

 Di bilik kanak-kanak zaman mudanya, pada waktu malam, ribut petir yang kuat datang, ribut atom, dari timur, menggegarkan rumah, cahaya hangat kekal di siling, memenuhi bilik, yang mengejutkan lelaki tua itu.


Im Kinderzimmer

seiner Jugend

zur Nacht

kommt ein schweres Gewitter,

ein atomarer Sturm,

von Osten

erschüttert das Haus

das warme Licht bleibt

an der Decke,

erfüllt den Raum,

was den Alten erstaunt. 

Donnerstag, 11. Juni 2026

Miriam Costa • MasticadoresBrasil Editor: Miriam Costa & Hang Ferrero


O termo „respeito“ vem do latim respicere: re- (de novo) + specere (olhar).
Respeitar é, ao pé da letra, voltar a olhar.
O latim sabia disto: desprezar era despicere, olhar de cima; suspeitar era suspicere, olhar de baixo.
O primeiro olhar sempre reduz, situa o outro depressa e segue adiante.
Respeitar é a recusa de concluir no primeiro olhar, a disposição de olhar outra vez aquilo que eu já achei que entendi.
Por isso o respeito é mais difícil que o amor. O amor pode ser apropriação: quero você porque me completa, me serve, me faz feliz.
O respeito proíbe esse cálculo. É o único olhar que não quer nada do outro, nem prazer, nem companhia, nem a confirmação de quem eu sou.
Quando alguém exige „me respeite“, quase sempre pede admiração ou concordância.
Mas o respeito de verdade começa exatamente onde o outro deixou de me agradar: eu o devo a quem combato, a quem discordo por inteiro.
O desprezo olha de cima, a suspeita de baixo.
O respeito é o único olhar que se coloca à mesma altura.

Talvez seja por isso que custe tanto….Homenagem a página
 

Der Begriff „Respekt“ stammt vom lateinischen *respicere*: ​​re- (wieder) + specere (sehen).
Respektieren bedeutet wörtlich, noch einmal hinzusehen.
Das Lateinische wusste das: Verachten hieß *despicere*, herabsehen; verdächtigen hieß *suspicere*, ebenfalls herabsehen.
Der erste Blick reduziert den anderen immer, ordnet ihn schnell ein und geht weiter.
Respekt ist die Weigerung, vorschnell zu urteilen, die Bereitschaft, das, was man bereits zu verstehen glaubte, noch einmal zu betrachten.
Deshalb ist Respekt schwieriger als Liebe. Liebe kann Aneignung sein: Ich will dich, weil du mich vervollständigst, mir dienst, mich glücklich machst.
Respekt verbietet diese Berechnung. Er ist der einzige Blick, der nichts vom anderen will, weder Vergnügen noch Gesellschaft noch Bestätigung dessen, wer ich bin.
Wenn jemand „Respektiere mich!“ fordert, bittet er fast immer um Bewunderung oder Zustimmung.

Wahrer Respekt beginnt genau dort, wo mir der andere nicht mehr gefällt: Ich schulde ihn denen, gegen die ich kämpfe, denen ich zutiefst widerspreche.
Verachtung blickt herab, Misstrauen von unten.

Respekt ist der einzige Blick, der sich auf dieselbe Ebene begibt.

Vielleicht kostet er deshalb so viel … Ein Tribut an die Seite