Vielen Dank für den Beitrag und die Einladung zum Friedenscafé.
Besonders nachdenklich macht mich die Darstellung der Ukraine-Frage. Im Beitrag wird kritisiert, dass Gewerkschaftsfunktionäre Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützen. Dabei bleibt jedoch die entscheidende Frage offen: Wie soll sich ein angegriffenes Land gegen einen militärischen Überfall verteidigen, wenn ihm die notwendigen Mittel dazu verweigert werden?
Friedenspolitik bedeutet für viele Menschen nicht nur, gegen Aufrüstung und Krieg einzutreten, sondern auch Solidarität mit den Opfern eines Angriffskrieges zu zeigen. Die Ukraine wurde nicht durch die NATO, die EU oder die Gewerkschaften angegriffen, sondern durch Russland. Wer Waffenlieferungen ablehnt, sollte deshalb auch darlegen, wie die ukrainische Bevölkerung ihre Freiheit, ihre demokratischen Rechte und ihr Existenzrecht verteidigen soll.
Natürlich kann und muss man über Umfang, Art und Folgen von Waffenlieferungen diskutieren. Ebenso wichtig sind diplomatische Bemühungen, Verhandlungen und internationale Friedensinitiativen. Doch die Forderung nach Frieden allein beantwortet noch nicht die Frage, wie ein Krieg beendet werden kann, wenn eine Seite ihre Truppen nicht zurückzieht und ihre Angriffe fortsetzt.
Gerade die Gewerkschaften haben eine lange Tradition internationaler Solidarität. Dazu gehört aus meiner Sicht auch die Solidarität mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der Ukraine, die unter Krieg, Besatzung, Vertreibung und Zerstörung leiden.
Ich würde mir deshalb wünschen, dass beim Friedenscafé nicht nur über die Gefahren von Aufrüstung gesprochen wird, sondern auch darüber, welche Verantwortung wir gegenüber den Menschen in der Ukraine haben. Eine glaubwürdige Friedenspolitik sollte beide Seiten dieser schwierigen Frage berücksichtigen.
Frieden ist zweifellos das Ziel. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Unter welchen Bedingungen? Ein Frieden, der auf der militärischen Unterwerfung eines angegriffenen Landes beruht, ist für viele Menschen kein gerechter Frieden, sondern die Belohnung eines Angriffskrieges.
Wer Waffenlieferungen ablehnt, sollte nicht nur sagen, was nicht getan werden darf, sondern auch erklären, wie die ukrainische Bevölkerung konkret vor Besatzung, Vertreibung und weiterer Gewalt geschützt werden kann.
Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Waffen. Frieden bedeutet auch Sicherheit, Freiheit und das Recht eines Volkes, selbst über seine Zukunft zu entscheiden. Deshalb sollten wir bei aller berechtigten Kritik an Aufrüstung immer auch die Perspektive der Menschen berücksichtigen, die sich gegen einen Angriff verteidigen müssen.
Mit respektvollen Grüßen
Hans Gamma