Sehr geehrter Autor,
vielen Dank für Ihren Beitrag vom 11. Juni 2025. Die Verfolgung von Christen und anderen religiösen Minderheiten ist eine Realität, die benannt werden muss. Wo Menschen wegen ihres Glaubens bedroht, inhaftiert oder getötet werden, widerspricht dies nicht nur der Religionsfreiheit, sondern dem grundlegenden Respekt vor der Würde des Menschen.
Gerade aus christlicher Perspektive stellt sich jedoch eine entscheidende Frage: In welcher Weise sprechen wir über diese Wirklichkeiten?
Das Evangelium legt hierfür einen sehr hohen Maßstab an. Schon der erste Satz der biblischen Anthropologie lautet, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist (Genesis 1,27). Daraus folgt eine Würde, die weder politisch noch religiös relativiert werden kann. Sie gilt jedem Menschen gleichermaßen.
Noch radikaler wird dieser Maßstab im Evangelium selbst. In der Bergpredigt fordert Christus: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44). Diese Worte sind keine sentimentale Moral, sondern eine theologische Grenzlinie. Sie verbieten nicht die Kritik an Unrecht, Gewalt oder religiöser Instrumentalisierung von Macht. Aber sie verbieten die moralische Entmenschlichung des Gegners.
Das Kreuz Christi verstärkt diese Perspektive noch einmal. Der gekreuzigte Christus stirbt nicht für eine Partei, ein Volk oder eine religiöse Front – er stirbt für die Welt. Gerade dort, wo Menschen sich im Namen Gottes gegeneinander stellen, erinnert das Kreuz daran, dass Gott selbst die Logik der Feindschaft durchbricht.
Deshalb ist im Jahr 2026 vielleicht die entscheidende Frage nicht nur, welche politischen oder religiösen Allianzen kritisiert werden müssen. Die entscheidende Frage lautet auch: Werden unsere eigenen Worte, Bewertungen und politischen Sympathien dem Maßstab des Evangeliums gerecht?
Die Geschichte zeigt, wie schnell religiöse Sprache zur Verstärkung politischer Fronten genutzt werden kann. Doch das Evangelium ruft die Kirche nicht dazu auf, geopolitische Lager religiös zu legitimieren. Es ruft sie dazu auf, Zeugnis für Wahrheit, Barmherzigkeit und die unteilbare Würde jedes Menschen abzulegen.
Gerade wenn wir Gewalt, Terror, staatliche Repression oder religiöse Heuchelei kritisieren, sollten wir deshalb besonders wachsam sein: Unsere Sprache darf nicht selbst in jene Logik der Feindschaft zurückfallen, die das Evangelium überwinden will.
Die universelle, unteilbare und absolute Würde des Menschen bleibt der Prüfstein. Sie gilt für verfolgte Christen ebenso wie für Muslime, Juden, Israelis, Palästinenser und alle anderen Menschen. Wer sich auf Christus beruft, kann sie nicht selektiv verteidigen.
Vielleicht beginnt die Treue zum Evangelium genau dort, wo wir auch unsere eigenen Gewissheiten immer wieder an diesem Maßstab prüfen.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Gamma
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