Freitag, 14. November 2025

Auge und Ohr

 Der Gedanke

steht stramm

in den Köpfen

im wachen

im Schlaf


der Traum wartet

bis es dunkelt


entfesselt 

die Botschaft 

der Seele

die keine Zeit

anerkennt


bevor und danach 

als es das Menschsein 

noch nicht gab


Stille braucht

ein wachsames Ohr


ein Auge

das die Vergangenheit 

aus der Zukunft betrachtet 

an einem

und demselben Ort

Stille

 Stille macht satt
gegen den Lärm
von innen und aussen

ein Trost ist es
dass der Traum
das Unverstandene 
entgegen wirft

jedes Kleingetier 
findet in seiner Botschaft 
seinen Platz

der Verstand
ist seit jeher
mit dem Gefühl
allen Sinnen im Krieg

er redet immerfort
von Liebe und Hoffnung
selbst erklärend
ergiessender 
verklärter Vernunft
durch ein Wortsieb 

Die Hochzeit

 Männliche Ahnen

treffen sich zur Hochzeit

einer verstorbenen Nachfahrin


die Lebenden scharen sich

rundum die weiss gekleidete Frau


der verstobene Brautvater

und seine Brüder

mit unbekannten Gesichtern


er fragt seine Brüder 

und Anverwandten 

was deren Aufgabe

zeitlebens gewesen sei


weil sie nicht

verstanden werden wollen


im Beisein mit ihren Frauen

antworten sie 

in fremder Sprache 


der Stammhalter

soll sich dem Brauchtum 

und der Sitte 

von altersher unterwerfen 


im Tanze auf und ab

der verstorbene Vater

dreht siegesgewiss 

im aufrechten Gang

eine Runde


es soll zum Abschluss kommen

die Gemeinschaft 

mit dem Auftrag

auf den Punkt 

zu bringen


den Stammhalter

mit gemeinsamer

geistiger gemeinsamer Kraft

und Anstrengung 

ihn in die Verdammnis

zu schicken


er selbst legt einem

kleinen Kind

seinen gebastelten Kochhut

von seinem Haupt

auf seinen Kopf


da er nicht passt

zerreisst der Hut

das Kind trägt ihn

mit sich fort

Das Haupt

 Eine Frau

die sich förmlich

um alles bemüht

zieht alle Mitarbeiter

die den Vorgesetzten

hintergehen an sich


der Mann lässt

sie gewähren


er schüttelt

Mitarbeitern die Hand


damit erklärt

er sich als Haupt

dem sowohl

als auch

vor der Gemeinschaft

Anfang und Ende

 Es komm und geht, alles dem Ende zu.

Der Rest

 Der bleiche Strunk

eines Baumes

von unsichtbarer Hand

aus der Erde gehoben

Die Toten

 Zur Nacht

in einer dunklen Gegend

geht eine Männergruppe

einer ist unentschlossen

gegen einen Fremden los


sie wollen den Mann erschlagen

jener rafft sich auf

er tötet sie 

mit seinen Händen und Hieben


die Toten sterben nicht

so bleibt ihm

nur die Flucht


Ausweg

Es gibt keinen Ausweg

aus der Einsamkeit

der Gedanken

das Verharren

in der Ausweglosigkeit

bis die Arbeit ruft

nach innen und nach aussen

Die Stille

 Über den Alpen

das tiefe Tal im Süden

die gelben Wohnhäuser

trotzen in den Morgenhimmel

umsäumt von der Stille

der Gräber im Friedhof

Die Beratung

 Eine Gutschrift 
zweimal die zwölf 
für was sie steht 

zusammen mit einer Frau
die er nicht kennt 
besucht ein Mann
in einem vornehmen Haus 
um Rat 
in einer grossräumigen Stube

eine alte Dame 
sitzt im Sessel 
auf Tisch steht ein Brett
mit Goldstücken aufgereiht

einen Halbmond 
schiebt der Sohn 
der zugleich der Enkel ist
unter die Goldstücke 

die Frau unterhält sich
stundenlang über dies und das
mit der Dame
während der Mann
auf dem Stuhl eingeschlafen ist 

wie er erwacht 
erscheinen weitere Damen
aus naheliegenden Räumen
das weckt in ihm die Einsicht 
dass es Zeit ist aufzubrechen 

die Frau 
die das lange Gespräch 
mit der Dame geführt hat
darin erkennt er seine eigene Ehefrau

er nimmt einen selbst gestrickten 
braunen Pullover vom Kleiderhacken 
seine Frau sagt
dass er nicht mehr 
öfter getragen werden kann

der Enkelsohn knabbert 
die Stiege hinab an Süssigkeiten 
sein Grossvater schickt ihn zurück 
er ist nicht sicher
ob er seine Jacke vergessen hat

der Enkelsohn reicht ihm
eine einfache Jacke 
in einem Plastiksack herunter 
die nicht ihm gehört 

sie sind beide in Eile
die Grossmutter ist im Treppenhaus 
nicht mehr zu sehen