Im Winter lässt sich der Sommer in Gedanken entgehen.
Samstag, 31. Oktober 2026
wer fährt
Durch die Radfahrspeichen
von hinten
sieht man auf den Asphalt,
wer auf dem Rad sitzt
und fährt –
das sieht man nicht.
Das Verderbte
Das eigene Verderbte
in Erinnerung
mit Schönschrift
und schwarzer Tusche
auf weißem Papier
zu übermalen
gelingt nicht.
leer
Der Buchtitel
das Gespenst
von Hand
geschrieben
im Jahr 1283
alle Seiten
sind ohne Schriftzug
und leer.
Freitag, 30. Oktober 2026
Nacht und Tag
Der Mantel der Nacht
Gebet der Frauen
mit welchem Sein
den Morgen erwartend
mit aller Kraft
in das bergende zurück
im Tempel
Träume der Männer
Blech und Stahl
am zerborstenen Himmel
beide Welten
Das, was von außen
und innen
beider Welten
im Schlaf
zusammenkommt,
bringt den Träumer
in tiefste Beklemmung
der Regen fällt
durchs Haus
auf das Kopfkissen
das Prasseln
der Regentropfen
ist zu hören
er schreit
und schreit,
als wäre es
sein letzter Moment.
Moral
Im Dorf
gibt es ein Haus,
wo Männer
bei einer Dame
gelegentlich
auf Besuch sind –
auch der bigotte Mann,
der sich der Moral
kund tut,
geht mit seinem Freund
in jener Wohnung,
indem er sich
mit einem Hut auf
unter die Decke
der Dame wagt
und gleich
in Eile
das Lokal verlässt.
Streit
Das Oberdorf
führt einen Kulturstreit
mit dem Unterdorf;
die Vermittlungsversuche
bringen die Streitparteien,
auch die Jugend,
nicht zu einem
friedlichen Einvernehmen.
Die Sintflut
Im Bergdorf
in erhöhter Lage
hat ein sintflutartiger Regen
die Häuser überschwemmt –
ein Erbe,
der danach
auf Besuch weilt
diesem wird erklärt,
wie hoch das Wasser stand
in der leeren Wohnung stand.
Donnerstag, 29. Oktober 2026
nicht gerufen
Durch die Glastür
in einem Wohnhaus
treten schwarz gekleidete Personen
ohne Schlüssel ein,
obwohl sie
nicht gerufen sind.
vermummt
Im Hallenbad
an der Stützmauer entlang
bewegt sich eine Ehefrau,
die eine dicke,
gelbe Schutzkleidung
über den Körper trägt,
sodass sie kaum
wiederzuerkennen ist.
Warnung
Das Rigelhaus
in der engen Gasse
an einem kühlen Morgen –
ihm entströmt
zwischen den Holzrahmen
eine dringliche Warnung
vor dem,
was kommen wird.
Nachrichten
Aus dem Kern
der Seele
kommen in Windeseile
Nachrichten,
die besorgniserregend sind,
schwer zu verstehen,
ob diese Nachrichten
auf das eigene Verhalten
oder nach außen gerichtet sind.
Mittwoch, 28. Oktober 2026
auf der Piste
Ohne Streit
geht der Ehemann
alleine auf die Piste
er wundert sich,
dass seine Ehefrau
mit den Kindern
nicht nachkommt
vielleicht
denkt er,
dass der Schnee
im Tal
wegen des Föhns
aufgeweicht wurde
an Mann
kommt auf der Station
auf ihn zu
er fragt,
das wundert ihn,
wo er seine
Kindheit verbrachte
ja, sagt er,
als er ihm vom
damaligen Wohnort berichtet
das Dorf
beinhalte eine übergroße
barocke Kirche.
der Morgen
Von Sorgen
und Unruhe erfasst,
der Morgen
zeichnet
zwischen den Wolken
ein erfrischendes Bild.
ama deus
Zur linken Seite
an der Wand
hängt ein großformatiges,
farbig aufgetragenes Bild
in kleinen, überlappenden
Flecken,
über das ganze Bild
unten am Rand steht der Name:
ama deus
Dienstag, 27. Oktober 2026
kein Vergleich
An Ort und Stelle
auf Reisen
bleibt
die Gefangenschaft
im eigenen Leib,
das Hin und Her
auf gefährlichen
inneren und äußeren Wegen
bietet keinen Platz
zum Ausruhen
und verweilen
die Erfolgreichen
werden alt und schwach;
nur die Selbstbildnisse
mit den Furchen im Gesicht
hängen als Erinnerung
an der Wand
es ist besser,
sich mit keinem
von allen zu vergleichen.
Montag, 26. Oktober 2026
auf Besuch
Eine junge Frau
mit bescheidener Kleidung
wird in einem Beitrag
als Erbin
eines Großunternehmens
vorgestellt
ein Besucher der Firma
trifft diese Frau,
die als Hilfskraft
ihren Dienst verrichtet
sie sagt dem Mann,
dass sie für ihren Unterhalt
nicht von der Firma
abhängig sei
der Besucher
fragt nach ihrer
eigentlichen Berufung
sie sagt ihm
nach längerem Überlegen,
sie trage ihre Herzensangelegenheit
mit sich herum
für die Besucher,
die von weither kommen,
wurde ein Schlafsaal
bereitgestellt.
der eine
der von der Begegnung
dieser Frau
tief beeindruckt ist
er wird von zwei anderen
hinaus befördert
wohin und warum,
das weiß er sich nicht.
zu nah
Er will
mit seinem Fahrrad
zu nah
an der Laternenstange
vorbeifahren,
er wird sich
mit der linken
Fahrradstange
daran festhaken.
Sonntag, 25. Oktober 2026
Nachruf
Liebreiz
verstummt,
der letzten Saat
geschundene Hände,
dem Sterbenden
der letzte Atemzug,
den Segen
mit gedämpften Stimmen
der Umstehenden
ihrer Worte,
Weihwasser und Gebet,
dazwischen
im Unkraut
der Erinnerungen
verstrickt,
gekreuzigt
in ihren Gedanken,
vergangenem,
unsäglichem Tun,
ein Nachruf
an die fliehende,
bald vergessene Seele
auf dem Weg
Zwei Männer
treffen sich auf dem Weg
ins Kino;
beide möchten
den Film
über die Gewalt,
die derzeit herrscht,
mehr erfahren
der eine
ist davon überzeugt –
das zeigt auch seine Gestalt –,
dass nur der Stärkere
die Welt
zur Besinnung bringen kann
der andere hat,
bevor er in den dunklen Saal geht
hat einen Handwagen
mit Besorgungen
in eine Nische
an die Fensterfront gestellt
beim Vorspann
geht er nochmals
nach draussen
der Wagen ist überfüllt
von Waren,
die er nicht
eingekauft hat
er entfernt die Sachen
in eine offene Tiefkühltruhe
eine Frau,
die dahinter steht,
sagt ihm,
er solle
aus dem Ganzen heraus
ein grünes Pilzgeflecht,
das er noch nie gesehen,
noch nie davon gegessen hat,
mit nach Hause nehmen.
Samstag, 24. Oktober 2026
wir
Die Sonne
perlt
späte Gedanken
gleissend
über die See
die Nacht
hütet sie leiblich
erwachen
zu ihrer Gestalt
sie gehen
drinnen einher
zum Abschied
im endlosen wir
Herzschlag
Das Kind
getragen
in die Nacht,
über die Schwelle
gesammelter Träume,
sittsam verortet
im Herzschlag,
fallen Gedanken
in offene Räume.
rechtzeitig
Dem kleinen Salatteller
werden unsichtbare
Drohnenrotoren aufgesetzt,
damit die Bestellung
über alle Wege
rechtzeitig ankommt.
Freitag, 23. Oktober 2026
auch
In der weiß gekachelten
öffentlichen Dusche
fällt eine Olivenseife
zu Boden und zerbricht;
die zweite,
die nicht zu sehen ist,
auch.
zum Vortrag
Es wird Zeit,
die Vorbereitung abzuschließen
für einen Vortrag
am Arbeitsplatz
außerhalb der Stadt
in einem nahegelegenen Dorf
der kleine Sohn
will auch mit
der Vater zieht
den Regenschutz
für das Fahrrad aus
er entscheidet sich,
das alte Auto
für die Hinfahrt
zu benutzen
der Sohn fragt,
ob er vorne
neben ihm sitzen darf
sein Vater
sagt ihm,
dass er auf dem Hintersitz
Platz nehmen soll
der Mitarbeiter
wird an einem Ausschank
im Betrieb
von einer Frau begrüsst
sie bittet ihm
eine kleine Sektflasche an
bevor er sich entscheiden kann,
drückt sie auf den Abschlussdeckel,
nennt zugleich,
indem sie mit den Flaschen anstoßen,
einen horrenden Preis,
den er zu bezahlen hat
der Mann fragt nach
das er niemanden rundum
entdecken kann
er meint, er sei zu spät,
und fragt die Frau,
wo die Teilnehmer sind
die seien unterwegs,
erwidert sie
sie hätten noch
einige Dinge
zu erledigen.
Donnerstag, 22. Oktober 2026
Süßes
Süßes
aus der Wurzel
des Baumes
am Fluss,
ein Schritt
vor dem Versinken
am Ufer,
der Gedanke noch
gibt sich
der Unschuld hin
gespiegelt
Den Edlen
gespiegelt,
deren verursachten Aufruhr,
Krücken
deren vermeintliche Unschuld,
die wirkliche Wahrheit
am Pranger –
gelingt keine Rückkehr
zu gemeinsamem,
würdevollem Sein.
fremd
In fremdem Gebiet,
fremder Sprache,
die zwischen
den Zeilen
dem Vernehmen nach
verstanden wird –
ein Treffpunkt,
wo Menschen
sich begegnen –
niemand
einen vertrauten
Anschluss
mit anderen
in einem
weitläufigen Dorf
findet –
die Wohnhäuser,
der Garten darum herum,
bleibt ein verschwiegenes,
einsam begehbares Labyrinth.
Mittwoch, 21. Oktober 2026
zur Zeit
Ohne darauf zu achten,
wann es genug sein soll,
wird gekocht,
gegessen,
am Abend,
bis in die Nacht hinein,
am lichten Morgen
zeigen sich im Norden
der Landesgrenze
die Rauchwolken
vom Einschlag
einer Granate.
Dienstag, 20. Oktober 2026
tunlichst
Worte
und das, was sich gehört,
von anderen
tunlichst befolgt,
der Rede
von innen,
aber nicht.
später
Die Entzweiung
von der Mutter
durch die Botschaft
als Kind im Traum,
auch zahnlos
in der Fremde,
die Last auszuschütteln –
das Erlebte
in Gedanken
der Mutter
zurückgeworfen wird –
bleibt die Flucht –
später –
der Versuch zur Wehrhaftigkeit
gegen das unnahbar Mächtigere
Traumsand
Unzählige
ergreifen ihren Namen
auf dem Papier.
Begegnungen, die
auf ihre Zeit warten,
bis dann
das Stundenglas
voll Traumsand
stille steht.
Eislast
Der Garten
hat die erwartete Fülle
nicht zur Zeit;
die Eislast fällt
inmitten der Dürre
aus den Wolken.
Sich festhalten
Wo alles haben
alles Sein
abhanden kommt
trotz aller
Aufmerksamkeit
allem
die entsprechende
Achtung
zu schenken –
die Wegsuche
bleibt zwischen Traum
und Wirklichkeit,
in einem Dazwischen,
den Geleisen
von daherbrausenden
Zügen,
wo alles,
sich festhalten wollen
abhanden kommt
unvollendet
Der Text ist
termingerecht getippt,
es fehlt das Schlusswort
fremde Studenten
setzen sich rund um den Tisch,
die Schlussfassung
damit verhindernd
der Prüfling
wechselt die Stube,
auch da wird er verdrängt
ein Student
sagt ihm, er solle
andere nicht
willkommen heißen,
sich für die Erledigung
seiner Arbeit
Ruhe verschaffen
im Durcheinander
der Papierseiten
zur Hand
wechselt er nochmals
den Ort
das wieder
exakte Einsetzen
des Papiers
in die Schreibmaschine
verhindert die Vollendung.
am Meer
Der Nebel
über dem Meer
verwischt den Horizont,
kein Wellenschlag
gegen das Ufer,
danach
eine endlose, starre Senke,
die sich weit draussen
wider erhebt
am Strand
gehen Menschen
über den Sand
auf und ab.
Montag, 19. Oktober 2026
Die Spur
Worte
Tun
drehen sich
wie Ringe im Wasser,
als unsichtbare Spur,
die sich ineinander überlappen
kein wachsames Auge
ist mächtig genug,
dem Geheimnis
nahe zu kommen.
nicht bei der Sache
Der Alte
schüttet den Rest
einer weißen Sauce
anstatt in den Komposteimer
in den schwarzen Abfallsack
unter dem Spültisch.
ungefragt
Ungefragt
steckt eine Frau
im Abenddunkel
vor der Käserei
einem Kind
in der Vergangenheit
der in Wirklichkeit
ein alter Mann ist,
zwei Banknoten
im Wert
von hundert
Franken zu.
Sonntag, 18. Oktober 2026
Holznagel
Schwarzer Holznagel
als Bein,
als Stuhl,
der Brei
in der Schüssel
eingeteilt,
der Blick,
der um
Verzeihung bittet,
für was,
der Arm,
der nach der Sehnsucht
bettelt,
das Fremdsein
auf der Tastatur
verstummt
vorwärts
Verwirrt
in Annäherung,
Begehren wird
zur Schmach,
das keine
Zuflucht kennt,
vorwärts
auf der Spur
dem Wissen
zur Befreiung
der Verstrickung
aus dem Labyrinth
verschlungenen Seins,
sich zu entziehen.
Einsamkeit
Der Sucht
dem Begehren
verfallen,
verdeckt
unerträgliche
Einsamkeit,
versagt
die Bannung
dem Wort Hort.
Warnung
Geschmeidig
lachendes,
hinterhältiges Gesicht,
wäre da
nicht die Stimme
der Tiefe
mit wartendem Finger
zum Versand
Die Seele
arbeitet Tag und Nacht
an einem Dokument
dass nicht zu kopieren,
noch nicht zu lesen ist –
die Wortschrift,
deren Inhalt
mit einer Durchsichtfolie
mit einer blauen Schleife
inmitten
am unteren Rand
versehen ist,
liegt bereit
zum Versand
in nächster Umgebung.
Samstag, 17. Oktober 2026
zeitlos
Im Vergangenen
dein Blick
zugeneigt, bewegt
deine Gestalt,
zeitlos das Verlangen,
Scham vor Berührung,
dem Weiß
der Blätter
an Ästen
unter dem Baum
verlassener Stadt.
entsorgt
Worte
Aufzeichnungen
rein gewaschen
das weiße Papier
in Stücke zerrissen
in einem
schwarzen
quadratischen Kübel
am Straßenrand
entsorgt
Freitag, 16. Oktober 2026
Nachwuchs
Kinder spielen
in der Kammer
mit Spielzeugen
ein weiblicher Tiger
noch selber ein Baby
hat zum zweiten Mal
hintereinander
in eine Schuhschachtel
Nachwuchs geworfen
der Vater kommt hinzu,
die Kinder stehen
um ihn herum
er bietet der Tigermutter
auf dem Holzboden
in einer flachen
braunen Tonschale
Wasser zum Trinken an,
daraus das Tier
ohne zu zögern trinkt.
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