Gerade deshalb erscheint mir jedoch eine differenzierte Betrachtung der Gegenwart notwendig. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus darf nicht dazu führen, die Politik des heutigen russischen Staates unkritisch zu betrachten. Zwischen dem russischen Volk, seiner Geschichte und Kultur einerseits sowie den Entscheidungen der gegenwärtigen politischen Führung andererseits sollte unterschieden werden.
Der Satz „Russland ist nicht unser Feind“ kann als Aufruf zu Verständigung und Frieden verstanden werden. Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass Russland seit 2014 ukrainisches Territorium besetzt hat und seit 2022 einen groß angelegten Krieg gegen die Ukraine führt, den die überwiegende Mehrheit der Staaten der Vereinten Nationen als Verletzung des Völkerrechts bewertet. Auch zahlreiche russische Bürgerrechtler, Historiker und Friedensaktivisten kritisieren diesen Krieg.
Ebenso sollte die Behauptung einer bloßen „Bedrohungslüge“ kritisch hinterfragt werden. Tatsächlich unterscheiden sich die militärischen Fähigkeiten Russlands und der NATO erheblich, und über die reale Gefahr künftiger Konflikte gibt es unter Fachleuten unterschiedliche Einschätzungen. Weder pauschale Alarmismen noch pauschale Entwarnungen tragen zu einer sachlichen Debatte bei. Friedenspolitik gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn sie Sicherheitsinteressen aller Beteiligten berücksichtigt und zugleich das Selbstbestimmungsrecht kleinerer Staaten respektiert.
Die Erinnerung an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges sollte uns deshalb nicht nur zur Ablehnung von Krieg und Aufrüstung führen, sondern auch zur konsequenten Verteidigung des Völkerrechts – unabhängig davon, von welchem Staat es verletzt wird. Frieden braucht Erinnerung, Wahrheit und Dialog, aber auch die Bereitschaft, historische Verantwortung nicht für aktuelle politische Vereinfachungen zu instrumentalisieren.
Gerade der Film von Christoph Boekel zeigt, wie wichtig es ist, sich der Vergangenheit ehrlich zu stellen. Vielleicht liegt seine größte Botschaft nicht darin, heutige geopolitische Konflikte eindeutig zu erklären, sondern darin, uns vor den Folgen von Feindbildern, Nationalismus und Krieg zu warnen – auf allen Seiten.
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