Dienstag, 12. Mai 2026

Wilhelm's space

Wilhelm's space

 Lieber Wilhelm Weber,

danke für die ausführliche Sammlung biblischer Texte, Gebete und geistlicher Betrachtungen. Besonders Psalm 107 erinnert eindrücklich daran, wie verletzlich der Mensch ist und wie sehr Menschen in Angst, Not und Hoffnung auf Hilfe angewiesen bleiben. Die Bilder von Sturm, Verzweiflung und Rettung sprechen auch heute noch tief in unsere Zeit hinein.

Gerade deshalb erscheint mir wichtig, dass christlicher Glaube nicht nur im Rückzug von „der Welt“ verstanden wird, sondern auch in Verantwortung für die Menschen in dieser Welt. Wer Gott für seine Güte dankt, sollte diese Güte auch gegenüber anderen sichtbar werden lassen: gegenüber Armen, Kranken, Zweifelnden, Einsamen, Flüchtenden, Andersdenkenden und jenen, die unter Ungerechtigkeit leiden.

Die Worte aus 1. Johannes über die Vergänglichkeit der Welt dürfen meines Erachtens nicht dazu führen, die irdische Wirklichkeit geringzuschätzen oder menschliches Leid nur als Nebensache zu betrachten. Christus selbst wandte sich den Menschen zu, heilte, tröstete, widersprach religiöser Härte und stellte die Barmherzigkeit über den bloßen äußeren frommen Schein.

Auch fällt auf, dass in vielen frommen Texten häufig von Schuld, Gefahr, Bosheit und Versuchung gesprochen wird. Das kann Trost geben, kann aber bei manchen Menschen auch Angst und Enge erzeugen. Ein menschenwürdiger Glaube sollte nicht von Furcht beherrscht werden, sondern von Hoffnung, Mitgefühl, Wahrhaftigkeit und Freiheit des Gewissens.

Besonders wertvoll finde ich hingegen die Stelle aus Hesekiel 47: das Wasser, das Leben bringt, Heilung schafft und die dürre Landschaft erneuert. Vielleicht liegt darin ein schönes Bild für Glauben: nicht Austrocknung, Abgrenzung und Weltverachtung, sondern lebendiges Wasser für Menschen, die Hoffnung brauchen.

Möge christlicher Glaube immer dort glaubwürdig werden, wo Menschen aufgerichtet werden — nicht erniedrigt; wo Frieden gestiftet wird — nicht Angst; und wo Gottes Liebe größer erscheint als menschliche Verurteilung.

Mit respektvollen Grüßen

Hans Gamma

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