Liebe Esther Scheiner,
vielen Dank für Ihren eindrücklichen und kenntnisreichen Beitrag zu Bamidbar/Nasso und zum Aaronitischen Segen. Besonders schön fand ich Ihre Darstellung der spirituellen Bedeutung des Segens als Ausdruck von Schutz, Gnade und Frieden sowie die Verbindung zwischen liturgischer Tradition, Qumran und heutiger jüdischer Praxis. Der Wunsch nach Frieden („…und schenke dir Frieden“) besitzt gerade in unserer Zeit eine besondere Tiefe.
Gerade weil Ihr Beitrag so viel Wärme und spirituelle Verbundenheit ausstrahlt, möchte ich respektvoll auf einen Abschnitt eingehen, der bei mir Nachdenklichkeit ausgelöst hat.
Die Aussage, Frauen hätten die priesterlichen Aufgaben körperlich „schnell überfordert“, erscheint historisch wie sachlich problematisch. In vielen Kulturen und Epochen verrichteten Frauen schwere körperliche Arbeiten — in Landwirtschaft, Handwerk, Versorgung und religiösem Alltag. Auch die Tempeldienste bestanden nicht ausschließlich aus körperlicher Schwerarbeit, sondern ebenso aus kultischen, spirituellen und gemeinschaftlichen Aufgaben. Die pauschale Annahme einer generellen körperlichen Unterlegenheit von Frauen entspricht weder heutigen historischen Erkenntnissen noch der Realität vieler Frauen damals wie heute.
Ebenso wirkt die Verbindung zwischen der Diskussion um Genderidentität und einer angeblichen „Unruhe“, die Menschen verursachen würden, wenig fair gegenüber Personen, die oft ohnehin mit Ausgrenzung, inneren Konflikten und gesellschaftlichem Druck leben. Man muss nicht jede moderne gesellschaftliche Entwicklung gutheißen oder religiös übernehmen, um Menschen dennoch mit Respekt und Würde zu begegnen.
Gerade die jüdische Tradition kennt eine tiefe Achtung vor der Würde des Menschen („Kavod HaBriot“). Vielleicht könnte der Priestersegen deshalb auch als Einladung verstanden werden, Gottes Angesicht jedem Menschen zuzuwenden — unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder persönlicher Identität.
Denn der Kern Ihres Textes berührt etwas sehr Schönes:
dass Menschen sich nach Frieden, Schutz, Güte und göttlicher Nähe sehnen.
In diesem Sinne:
Shabbat Shalom und danke für die anregenden Gedanken.
Hans Gamma
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen