Freitag, 29. Mai 2026

Barcelona / j re crivello// Escritor y Editor / Fundador de Masticadores

Barcelona / j re crivello// Escritor y Editor / Fundador de Masticadores

 Sehr geehrter Herr Crivello,

vielen Dank für Ihren literarischen Beitrag. Ihr Text vermittelt atmosphärisch und sprachlich eindrucksvoll Eindrücke von Vilanova i La Geltrú, von Migration, Einsamkeit, Identität und gesellschaftlichem Wandel. Besonders die Beobachtungen über Arbeit, Entwurzelung und das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit regen zum Nachdenken an.

Gleichzeitig möchte ich eine kritische Anmerkung formulieren — in respektvoller Absicht und im Sinne eines offenen Dialogs.

Mehrere Formulierungen im Text wirken aus heutiger Sicht problematisch oder verletzend, insbesondere Begriffe wie „moros“ oder die wiederholte Gegenüberstellung von „Einheimischen“ und „Ausländern“ in stark stereotypisierenden Bildern. Auch wenn der Text ursprünglich aus dem Jahr 2007 stammt und literarisch-provokativ gemeint sein mag, transportieren solche Begriffe historische Belastungen und können Menschen pauschal herabwürdigen.

Gerade weil Ihr Text von Menschlichkeit, Identität und gemeinsamer Verletzlichkeit handelt, entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dieser Botschaft und einzelnen sprachlichen Bildern. Viele Leserinnen und Leser könnten darin weniger eine soziale Beobachtung als eine Distanzierung oder Abwertung migrantischer Menschen erkennen.

Die von Ihnen genannten Zahlen zur Beschäftigung von Einwanderern in Spanien verweisen zudem auf eine wichtige Realität: Migrantinnen und Migranten waren und sind ein wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Spaniens. Deshalb wäre es wertvoll, ihre Rolle nicht nur als fremde Erscheinung im Stadtbild, sondern stärker als gleichwertigen Teil der gemeinsamen Gesellschaft darzustellen.

Literatur darf provozieren, irritieren und Widersprüche sichtbar machen. Doch Sprache trägt Verantwortung — besonders dort, wo sie Gruppen beschreibt, die ohnehin häufig Vorurteilen ausgesetzt sind.

Ich danke Ihnen dennoch für den Denkanstoß und wünsche mir, dass solche Texte heute Anlass für einen differenzierten und respektvollen Austausch über Identität, Migration und Zusammenleben sein können.

Mit freundlichen Grüßen

Hans Gamma

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