mit Interesse habe ich Ihren Beitrag „Kein Grund, sich zu schämen, Europa!“ gelesen. Vieles darin ist klug formuliert, historisch gebildet und getragen von der nachvollziehbaren Sorge um Europa, seine Freiheit und seine kulturelle Offenheit. Gerade deshalb erscheint mir eine kritische Antwort notwendig.
Sie beschreiben Europa als ein zivilisatorisches Erfolgsmodell – und zweifellos hat Europa Bedeutendes hervorgebracht: Rechtsstaatlichkeit, wissenschaftliche Methoden, soziale Sicherungssysteme, individuelle Freiheitsrechte und demokratische Entwicklungen. Dass viele Menschen weltweit davon profitiert haben, ist unbestreitbar.
Problematisch wird Ihr Text jedoch dort, wo er dazu neigt, Europas historische Rolle zu relativieren oder moralisch zu entlasten, indem Sie betonen, andere Kulturen hätten ebenfalls Gewalt, Unterdrückung und Eroberungen hervorgebracht. Natürlich stimmt das. Doch die europäische Kolonialgeschichte war nicht einfach „eine Gewaltgeschichte unter vielen“, sondern durch ihren globalen Maßstab, ihre ökonomische Systematik und ihre bis heute wirksamen Folgen von besonderer Tragweite. Die Tatsache, dass auch andere Imperien grausam waren, relativiert weder den transatlantischen Sklavenhandel noch koloniale Ausbeutung oder kulturelle Zerstörung.
Ebenso irritiert mich Ihre Darstellung sogenannter „postkolonialer Theorien“. Sie greifen einzelne überzogene oder akademisch randständige Beispiele heraus und machen daraus ein allgemeines Bild. Damit entsteht der Eindruck, als sei postkoloniale Kritik vor allem lächerlich oder identitätspolitisch überzogen. Dabei geht es vielen Menschen schlicht um historische Ehrlichkeit, um Machtverhältnisse und um die Frage, warum Wohlstand global so ungleich verteilt ist.
Auch Ihre Aussage, Europa sei „weder besser noch schlechter – nur erfolgreicher“, verdient Widerspruch. Erfolg ist kein neutraler Begriff. Europas wirtschaftlicher und geopolitischer Aufstieg beruhte nicht nur auf Kreativität, Wissenschaft und Offenheit, sondern auch auf kolonialen Ressourcenströmen, militärischer Macht und globalen Abhängigkeiten. Das schmälert europäische Leistungen nicht – aber es verlangt Demut.
Besonders fragwürdig erscheint mir die Passage, wonach zentrale moderne Werte wie Menschenrechte, Individualismus oder Feminismus ausschließlich in Europa oder den USA entwickelt worden seien. Historisch gab und gibt es in vielen Kulturen philosophische, religiöse und soziale Traditionen, die Menschenwürde, Gemeinschaftsrechte oder Gleichwertigkeit betonten – oft lange bevor Europa diese Ideale universell anerkannte. Zudem galt die europäische Vorstellung von Freiheit über Jahrhunderte hinweg häufig nur für bestimmte Klassen, Geschlechter oder Ethnien.
Dennoch möchte ich betonen: Ihr Plädoyer gegen kulturelle Abschottung und ethnische Reinheitsfantasien halte ich für wichtig und richtig. Europa war immer ein Raum der Vermischung, der Wanderung und der gegenseitigen Beeinflussung. Gerade deshalb sollte Europa aber auch fähig sein, sich selbst kritisch zu betrachten, ohne dies als „Selbsthass“ oder Schwäche zu verstehen.
Wahre Stärke zeigt sich nicht darin, stolz auf die eigene Zivilisation zu sein, sondern darin, ihre Größe und ihre Verbrechen zugleich aushalten zu können.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Gamma
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