Dienstag, 19. Mai 2026

richard karl breuer

richard karl breuer

 Sehr geehrter Herr Breuer,

Ihr Beitrag zum 8. Mai 1945 berührt durch die persönlichen Erinnerungen an Ihre Familie und zeigt, wie tief Kriegserfahrungen über Generationen hinweg nachwirken. Besonders die Schilderung Ihres Onkels aus Brünn macht sichtbar, wie Menschen zwischen Staaten, Ideologien und neuen Machtverhältnissen zerrieben wurden. Solche biografischen Brüche verdienen Erinnerung und Respekt.

Gerade deshalb erscheint mir jedoch manches in Ihrem Text problematisch und widersprüchlich.

Sie kritisieren zu Recht eine oberflächliche Schwarzweißmalerei der Geschichte. Tatsächlich braucht historische Aufarbeitung Differenzierung und den Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen. Aber Differenzierung darf nicht dazu führen, Verantwortlichkeiten zu verwischen oder historische Zusammenhänge zu relativieren. Wenn Sie Erich Kästners Satz zitieren, die Sieger müssten „neben uns“ auf der Anklagebank Platz nehmen, dann ist Vorsicht geboten: Zwischen den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und den politischen oder militärischen Fehlern der Alliierten besteht weder moralische noch historische Gleichwertigkeit.

Der 8. Mai war für Millionen Menschen nicht nur Niederlage, sondern Befreiung – für Überlebende der Konzentrationslager, für politisch Verfolgte, für Menschen in den besetzten Ländern Europas. Diese Perspektive kommt in Ihrem Text kaum vor. Dadurch entsteht der Eindruck, als sei das Kriegsende vor allem eine Tragödie der Deutschen und der entwurzelten Mitteleuropäer gewesen. Das greift zu kurz.

Auch Ihre Verbindung der „Pandemiejahre“ mit Orwell und einem angeblich herbeigeführten inneren Kriegszustand wirkt problematisch. Demokratische Maßnahmen zur Bekämpfung einer globalen Gesundheitskrise mit totalitären Herrschaftsformen gleichzusetzen, birgt die Gefahr, historische Erfahrungen zu verzerren. Gerade die Erinnerung an Diktatur und Krieg sollte uns sensibel machen für Unterschiede – nicht nur für Ähnlichkeiten.

Dennoch liegt Ihrem Text ein berechtigter Gedanke zugrunde: Frieden ist niemals selbstverständlich, und auch demokratische Gesellschaften sind anfällig für Angst, Machtpolitik und propagandistische Vereinfachung. Deshalb braucht Erinnerungskultur weder nationale Selbstanklage noch nationale Selbstentlastung, sondern historische Ehrlichkeit, Empathie und die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.

Vielleicht wäre genau das die wichtigste Lehre des 8. Mai: dass Menschlichkeit nicht im Verschweigen besteht, aber auch nicht im Relativieren.

Mit respektvollen Grüßen

Hans Gamma

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