Samstag, 25. April 2026

Salon Hof Ha'Carmel


Mit dem Hinweis, dass ChatGPT mir behilflich war.

Zwischen Sündenbock und Menschenwürde – Gedanken zu Wajikra, Acharei Mot–Kedoshim (Lev 16:1–20:27)

Die beiden Paraschot Acharei Mot und Kedoshim gehören zu den eindringlichsten Texten der Tora. Sie führen uns von archaischen Ritualen – dem Sündenbock für Asasel, der die Schuld des Volkes in die Wüste trägt – hin zu einem der radikalsten ethischen Gebote der Menschheitsgeschichte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,18)

Zwischen diesen Polen bewegen sich auch die aktuellen Reflexionen von Rav Elisha Wolfin und estherscheiner. Beide Texte sind geprägt von einer tiefen Verunsicherung angesichts einer Welt, die zunehmend von Härte, Polarisierung und sprachlicher Entgrenzung bestimmt ist. Ihre Diagnose ist klar: Wir leben in einer Zeit, in der nicht nur Taten, sondern Worte verletzen, entmenschlichen und trennen.

Doch genau hier beginnt die kritische Auseinandersetzung.

Die Tora wirkt auf den ersten Blick tatsächlich „anachronistisch“, wie Rav Wolfin schreibt. Ihre Forderungen scheinen aus einer anderen Welt zu stammen – einer Welt mit klaren moralischen Grenzen. Aber vielleicht liegt gerade darin ihre Sprengkraft: Sie ist nicht dafür da, unsere Realität zu spiegeln, sondern ihr zu widersprechen.

Die Idee des „Sündenbocks“ ist dabei von bedrückender Aktualität. Historisch wie gegenwärtig werden Menschen und ganze Gruppen zu Trägern fremder Schuld gemacht. Antisemitismus ist dafür ein besonders drastisches Beispiel – damals wie heute. Doch die Tora beschreibt diesen Mechanismus nicht, um ihn zu legitimieren, sondern um ihn sichtbar zu machen: Schuld lässt sich nicht einfach externalisieren. Der Bock verschwindet in der Wüste – aber die ethische Verantwortung bleibt beim Menschen.

Hier setzt eine menschenwürdige Perspektive an:

Menschenwürde ist nicht verhandelbar. Sie ist universell, unteilbar und absolut.

Wenn wir akzeptieren, dass – wie in einer der Thesen formuliert – „Gott sein Zelt in jedem Menschen aufgeschlagen hat“, dann wird jede Form der Entmenschlichung zu einem Angriff auf das Heilige selbst. Das gilt für offenen Hass ebenso wie für subtile Verachtung, für politische Hetze ebenso wie für alltägliche Gleichgültigkeit.

Und doch bleibt die Spannung bestehen:
Wie sollen wir den „Nächsten lieben“, wenn dieser uns ablehnt, verletzt oder gar hasst?

Hier widerspreche ich einer möglichen romantischen Lesart des Gebots. Die Tora fordert keine naive Harmonie. Sie kennt Konflikt, sie kennt Grenzen, sie kennt sogar notwendige Härte. Aber sie zieht eine klare Linie: „Du sollst nicht Rache üben noch Groll hegen.“

Das ist keine Gefühlsanweisung, sondern eine Handlungsdisziplin.

Liebe im biblischen Sinn ist kein Gefühl, sondern eine Praxis:
– im Sprechen
– im Zuhören
– im bewussten Verzicht auf Eskalation

Rav Wolfin spricht von „Zärtlichkeit“ als Gegenkraft zur Verhärtung. Das ist mehr als ein schönes Bild. Es ist eine Überlebensstrategie – individuell wie gesellschaftlich. Eine Welt, die nur auf Stärke setzt, zerstört sich selbst. Eine Welt ohne Zärtlichkeit verliert ihre Seele.

Gleichzeitig darf diese Zärtlichkeit nicht zur moralischen Selbstaufgabe führen. Wer Unrecht nicht benennt, macht sich mitschuldig. Die Herausforderung besteht darin, beides auszuhalten: Klarheit und Mitgefühl, Standhaftigkeit und Menschlichkeit.

Der Versöhnungstag, Jom Kippur, verweist genau auf diese innere Arbeit. Die eigentliche Sühne geschieht nicht durch Rituale allein, sondern durch die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen. Niemand kann diese Arbeit delegieren – kein „Sündenbock“ nimmt sie uns ab.

Oder anders formuliert:

Der Versuch, besser zu werden, ist keine einmalige Entscheidung, sondern eine tägliche Aufgabe.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Paraschot in unserer Zeit:
Nicht die Welt wird zuerst geheilt, sondern unser Umgang mit ihr.

Nach dem Tod – Acharei Mot – folgt der Ruf zur Heiligkeit – Kedoshim.
Nicht als abstraktes Ideal, sondern als konkrete Herausforderung:

Wie sprechen wir miteinander?
Wie urteilen wir?
Wie schnell verhärten wir uns?

Die Tora verlangt nichts Unmögliches.
Aber sie verlangt alles.

Shabbat Shalom.

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