Freitag, 6. März 2026

Antwort an: . Dr. Abdul Karim Bakkar

Übermäßiges Predigen.

06.03.2026

Die Flut an Predigten. Die Ära, in der Worte allein zur Überzeugung genügten, ist vorbei. Moderne Gesellschaften sind von einer Flut an Predigten geprägt und achten nun nur noch auf konkrete Projekte vor Ort. Die Glaubwürdigkeit wortgewandter Rhetorik ist erschöpft und wurde durch das globale Streben nach einem dynamischen Islam ersetzt – einer Religion, die sich nicht nur in Büchern findet, sondern in der Ehrlichkeit des Kaufmanns, der Präzision des Handwerkers und der Exzellenz des Gelehrten spürbar ist.
Der Begriff des „Predigers“ muss von seiner Beschränkung auf bloße Worte befreit werden und sich auf jeden Muslim erstrecken, der eine einflussreiche Position im Leben innehat. Exzellenz im Beruf ist im Kern ein Akt des Glaubens, und weltlicher Erfolg, der von Werten geleitet wird, ist die höchste Form stiller Predigt. Der Mitarbeiter, der die Zeit anderer respektiert, und der Student, der nach intellektueller Exzellenz strebt, sind in Wirklichkeit der praktische Beweis für die Vitalität dieser Religion und ihre Fähigkeit, energiegeladene und kreative Persönlichkeiten hervorzubringen. Der wahre Sieg der Religion in dieser Zeit wird nicht durch erschöpfende intellektuelle Debatten errungen, sondern durch die Präsentation eines alternativen Modells: eines Modells, das Reinheit des Geistes mit einwandfreiem Verhalten, Demut mit Disziplin und Vertrauen auf Gott mit einem respektvollen Umgang mit den Mitmenschen verbindet. Die Botschaft des Islam braucht heute ein lebendiges Beispiel, das lauter spricht als Worte, und lebende Vorbilder, die die Würde der Werte durch aufrichtiges Handeln wiederherstellen, nicht durch bloß wortgewandte Verkündigungen. Dr. Abdul Karim Bakkar

Antwort:

Ihr Text erinnert daran, dass Worte allein heute nicht mehr überzeugen. In diesem Punkt stimme ich zu: Glaubwürdigkeit zeigt sich vor allem im Handeln. Doch zugleich möchte ich einen Gedanken hinzufügen, der für mich grundlegend ist.


Die Quelle der Wahrheit und der Weisheit liegt nicht ausschließlich in einer bestimmten religiösen Tradition oder in der Zugehörigkeit zu einer Religion. Im Kern jedes Menschen lebt eine Seele, und in dieser Seele hat Gott – bildlich gesprochen – sein Zelt im Menschen aufgeschlagen. Daraus erwächst eine Würde, die jedem Menschen zukommt: universell, unteilbar und absolut. Sie gilt allen Menschen gleichermaßen, unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung.


Das Vorbild ist daher nicht nur in der Exzellenz der Gelehrten oder in der besonderen Frömmigkeit einzelner zu suchen, sondern im Menschen selbst. Der unnahbare Gott ist zugleich der Gott in uns. Niemand verfügt über „seinen“ Gott so, dass er anderen Menschen überlegen gegenübertreten oder ihnen den Spiegel der Wahrheit vorhalten könnte.


Wenn jemand glaubt, seine Überzeugung durch einen Sieg über „Ungläubige“ oder durch die Überlegenheit seiner eigenen religiösen Vorstellung verbreiten zu müssen, übersieht er vielleicht etwas Wesentliches: Die Botschaft Gottes wirkt im Inneren jedes Menschen. Sie spricht durch das Gewissen, durch Träume, durch die stille Stimme der Seele. Sie fordert jeden Menschen an seinem eigenen Ort – dort, wo er lebt und handelt – immer wieder zu neuer Einsicht auf: zu sich selbst und zu einem würdevollen Umgang mit anderen.


Dazu braucht es weniger Verkündigung als Demut. Demut vor Gott im eigenen Inneren und die Bereitschaft, ein Leben lang auf die Stimme der Seele zu hören. Vielleicht liegt gerade darin die tiefste Form eines glaubwürdigen Zeugnisses.


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