abseits vom mainstream - heplev
Sehr geehrter heplev,
Ihr Beitrag enthält einen wichtigen Gedanken: Friedensprozesse können kaum funktionieren, wenn Sicherheitsbedürfnisse einer Seite ignoriert werden. Tatsächlich ist es historisch richtig, dass Israel mehrfach Bereitschaft zu Verhandlungen über eine Zweistaatenlösung signalisiert hat, während es auf palästinensischer wie auch auf arabischer Seite lange Phasen der Ablehnung und Gewalt gab. Ebenso ist unbestreitbar, dass der Terror des 7. Oktober für die israelische Bevölkerung ein tiefes Trauma darstellt und das Vertrauen in bisherige diplomatische Konzepte massiv erschüttert hat.
Gleichzeitig erscheint mir Ihr Text an mehreren Stellen problematisch, weil er die Verantwortung und das Leid zu einseitig verteilt. Frieden wird kaum möglich sein, wenn die Perspektive von Millionen Palästinensern vor allem unter Sicherheits- und Verwaltungsaspekten betrachtet wird. Auch sie leben seit Jahrzehnten unter Besatzung, Entrechtung, Gewalt, Angst und Perspektivlosigkeit. Viele Menschen im Gazastreifen oder Westjordanland haben niemals Hamas gewählt oder bewaffneten Kampf unterstützt und dennoch schwere Konsequenzen tragen müssen.
Besonders kritisch sehe ich den Begriff „staatenlose Araber aus Palästina (SAPs)“. Diese Formulierung wirkt entmenschlichend und ersetzt die übliche Bezeichnung „Palästinenser“ durch einen politisch aufgeladenen Begriff. Gerade wenn man für Koexistenz und Frieden argumentieren möchte, sollte die Sprache die Würde aller Beteiligten wahren.
Auch die Darstellung der Oslo-Zeit bleibt verkürzt. Ja, es gab Terror, Raketen und schwere Fehler palästinensischer Akteure. Aber ebenso gab es fortgesetzten Siedlungsbau, politische Blockaden und Entwicklungen auf israelischer Seite, die das Vertrauen in einen lebensfähigen palästinensischen Staat untergruben. Viele internationale Beobachter sehen darin ebenfalls einen Grund für das Scheitern des Prozesses.
Der entscheidende Punkt ist vielleicht: Sicherheit für Israel und Freiheit für Palästinenser dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Dauerhafter Frieden wird wahrscheinlich nur entstehen können, wenn beide Völker zugleich anerkannt werden — mit gleichen Menschenrechten, gegenseitiger Sicherheit und politischer Selbstbestimmung.
Ihre Frage, wie eine realistische Zweistaatenlösung unter heutigen Bedingungen aussehen könnte, ist legitim und notwendig. Aber dieselbe Frage müsste auch an die Palästinenser gerichtet werden: Welche Bedingungen brauchen sie für ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit? Erst wenn beide Perspektiven ernst genommen werden, entsteht möglicherweise ein tragfähiger Weg aus der Spirale von Gewalt, Angst und Misstrauen.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Gamma
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