Freitag, 8. Mai 2026

Salon Hof Ha'Carmel

 


Salon Hof Ha'Carmel


Liebe Frau Scheiner,

herzlichen Dank für Ihren tiefgründigen und anregenden Beitrag zu Behar–Bechukotai. Besonders eindrücklich finde ich, wie Sie die Verbindung zwischen den biblischen Geboten, ökologischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit herausarbeiten. Die Gedanken zum Schmitta- und Jubeljahr zeigen eindrucksvoll, dass die Torah nicht nur spirituelle Weisung sein will, sondern auch konkrete ethische Orientierung für das Zusammenleben der Menschen und den Umgang mit der Schöpfung enthält.

Sehr wertvoll erscheint mir Ihr Hinweis, dass Eigentum niemals absolut gedacht wird. Der Satz „Das Land gehört mir“ erinnert daran, dass der Mensch nicht Herr über die Erde ist, sondern Verantwortung trägt. Gerade in einer Zeit globaler Umweltzerstörung, wirtschaftlicher Ungleichheit und Ausbeutung erhält dieser Gedanke eine erstaunliche Aktualität.

Ebenso wichtig ist Ihre Verbindung zwischen antiker und moderner Sklaverei. Sie machen deutlich, dass Unfreiheit heute oft subtiler erscheint, aber weiterhin Millionen Menschen betrifft – etwa durch Menschenhandel, Zwangsarbeit oder Kinderarbeit. Hier wird sichtbar, dass religiöse Texte nicht nur historische Dokumente sind, sondern ethische Fragen an unsere Gegenwart stellen.

Gleichzeitig möchte ich einen respektvollen kritischen Gedanken ergänzen: Die Ideale des Jubeljahres – Rückgabe von Besitz, soziale Neuordnung und Freiheit für Unterdrückte – gehören zu den stärksten Visionen sozialer Gerechtigkeit der Bibel. Historisch bleibt allerdings umstritten, in welchem Umfang diese Regelungen jemals tatsächlich vollständig umgesetzt wurden. Vielleicht liegt ihre bleibende Bedeutung gerade darin, dass sie einen moralischen Maßstab setzen, an dem sich jede Gesellschaft messen lassen muss, auch wenn die vollständige Verwirklichung immer unvollkommen bleibt.

Auch der Hinweis auf den symbolischen Verkauf des Landes im Schmitta-Jahr wirft interessante Fragen auf: Einerseits ermöglicht der „heter mechira“ praktische Lösungen für die Landwirtschaft, andererseits zeigt sich darin die dauerhafte Spannung zwischen religiösem Ideal und wirtschaftlicher Realität. Diese Spannung offen anzusprechen, macht Ihren Beitrag besonders glaubwürdig.

Ihr Schlussgedanke, die Welt wenigstens „ein bisschen besser zu machen“, erscheint mir deshalb sehr treffend. Vielleicht beginnt genau dort echte religiöse Verantwortung: nicht in Vollkommenheit, sondern im ernsthaften Bemühen um mehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Shabbat Shalom und herzlichen Dank für Ihre nachdenklichen Impulse.

Hans Gamma

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