Beitrag an die DKP Flensburg – Ostermarsch, Kirchen und Verantwortung
Die vergangenen Jahrzehnte haben uns mit einer unbequemen Realität konfrontiert: Angriffskriege, autoritäre Machtpolitik und die Missachtung von Menschenrechten sind keine Relikte der Geschichte. Der Krieg gegen die Ukraine steht dabei exemplarisch für eine Entwicklung, in der staatliche Gewalt erneut zur Durchsetzung politischer Ziele eingesetzt wird. Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage: Haben Menschen nicht auch das Recht – ja die Pflicht –, sich gegen totalitäre Staaten, Autokraten und Diktaturen zur Wehr zu setzen, wenn Leib und Leben bedroht sind?
Diese Frage stellt sich auch der Friedensbewegung – und den Kirchen.
Wie kriegstüchtig sind unsere Kirchen?
Die aktuellen Ostermarschaufrufe zeigen auf den ersten Blick Kontinuität. Forderungen nach Abrüstung, nach einer Welt ohne Militär und Gewalt sowie nach offenen Grenzen finden sich sowohl 2017 als auch 2026. Der Vorwurf einer „Radikalisierung“ greift daher zu kurz. Vielmehr wird sichtbar, dass zentrale Positionen der Friedensbewegung seit Jahren unverändert bestehen.
Und doch hat sich etwas verschoben.
Mit dem sogenannten „Operationsplan Deutschland“ wird eine neue Qualität der Verflechtung zwischen militärischen Strukturen und zivilen Bereichen sichtbar. Nicht nur Infrastruktur, sondern auch gesellschaftliche Institutionen – einschließlich der Kirchen – werden in militärische Planungen einbezogen. Das ökumenische Rahmenkonzept zur Seelsorge im Verteidigungsfall zeigt deutlich: Kirchen sollen organisatorisch und personell auf militärische Szenarien vorbereitet werden.
Damit stellt sich eine entscheidende Frage:
Bewahren die Kirchen hier ihre Unabhängigkeit – oder ordnen sie sich staatlicher Logik unter?
Wenn kirchliche Strukturen darauf ausgerichtet werden, militärische Systeme zu stabilisieren, gerät der Kern christlicher Friedensethik unter Druck. Die Botschaft der Bergpredigt – insbesondere das Gebot der Feindesliebe – steht in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis zu militärischer Logik, die auf Abschreckung, Bedrohung und im Ernstfall Gewaltanwendung basiert.
Zwischen Pazifismus und Realität
Innerhalb der Friedensbewegung selbst verlaufen heute Konfliktlinien:
Ein Teil fordert konsequenten Pazifismus und lehnt Waffenlieferungen grundsätzlich ab. Ein anderer Teil sieht in der Unterstützung der Ukraine eine notwendige Form der Selbstverteidigung gegen einen Angriffskrieg.
Beide Positionen berufen sich auf den Frieden – doch sie gelangen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.
Gerade deshalb braucht es eine ehrliche Debatte, die weder moralische Absolutheit behauptet noch komplexe Realitäten ausblendet. Frieden ist kein einfacher Zustand, sondern ein Prozess voller Widersprüche.
Die historische Verantwortung der Kirchen
Die Geschichte zeigt, wohin es führen kann, wenn Kirchen staatliche Machtpolitik unkritisch begleiten. Umso wichtiger ist die Erinnerung an Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller, die sich der Vereinnahmung widersetzt haben.
Bonhoeffers Einsicht bleibt aktuell:
Frieden lässt sich nicht durch Sicherheitspolitik erzwingen. Er verlangt Vertrauen, Risiko und eine klare ethische Haltung – nach innen wie nach außen.
Die Kirche steht heute erneut vor einer Weggabelung:
Will sie Teil einer sicherheitspolitischen Logik werden – oder eine unabhängige Stimme bleiben, die auch in Zeiten der Bedrohung für Versöhnung, Menschenwürde und Gewaltbegrenzung eintritt?
Fazit
Die Ostermärsche sind kein Ausdruck von Radikalisierung, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Spannungen. Sie zeigen, wie schwer es ist, in einer von Konflikten geprägten Welt konsequent für Frieden einzutreten.
Gerade deshalb sind sie notwendig.
Denn Frieden bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern die ständige Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir als Gesellschaft leben wollen – und wofür wir bereit sind einzustehen.
Hans Gamma
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